Lesung: „Gast in der Heimat“

Victoria Wolff: Gast in der Heimat. Berlin: AvivA Verlag, 2021 (Erstauflage: 1935)

Präsentation der Neuausgabe / Lesung von Anke Heimberg

Am Mittwoch, 22. Juni 2022 um 19:00 Uhr
im Ratssaal des Rathaus Rotenburg,
Große Straße 1
Eintritt: 3,- Euro
Es gilt die Maskenpflicht.

Bild: AVIVA Verlag

Schon seit Generationen leben die protestantische Kaufmannsfamilie Dortenbach und die jüdische Fabrikantenfamilie Martell in der kleinen württembergischen Weinstadt. Fest und liebevoll verbunden fühlen sich Claudia Dortenbach und ihr Jugendfreund und späterer Ehemann, der Rechtsanwalt Dr. Helmuth Martell, Land und Leuten, Natur und Kultur ihrer schwäbischen Heimat. Familie, Kinder und Karriere laufen in den vorgezeichneten und gewünschten Bahnen: die Martells fühlen sich sicher eingeordnet und zufrieden. Umso fassungsloser und anfangs wie betäubt erlebt Claudia Martell sodann das Erstarken und die Etablierung des Nationalsozialismus in der kleinen Stadt, die rasante Entfremdung und abrupte Abkehr von ihr einst vertrauten Menschen, langjährigen Freund_innen und Vereinskamerad_innen, ja engsten Familienmitgliedern unter dem wachsenden Einfluss der NS-Diktatur. Erst allmählich vermag sich die junge Frau aus ihrer inneren Lähmung zu lösen; entschlossen und mutig findet sie für sich und ihre bedrohte Familie, den Mann und ihre beiden Kinder, schließlich ihren Weg aus den radikal veränderten Verhältnissen eines ihr fremd gewordenen Landes.

Victoria Wolff wurde 1903 als Tochter einer jüdischen Lederfabrikanten-Familie in Heilbronn geboren. Ende der 1920er-Jahre begann sie Romane über die Lebenswelten moderner ‚Neuer Frauen‘ zu schreiben. Reportagen und Reiseerzählungen erschienen in der Heilbronner „Neckar-Zeitung“, ihrer Heimatzeitung, wie auch im Feuilleton großer überregionaler Blätter wie der „Frankfurter Zeitung“ und der „Kölnischen Zeitung“.

Mit ihrer Emigration im Frühjahr 1933 ließ sich Victoria Wolff mit ihren Kindern im legendären Tessiner Künstlerdorf Ascona nieder, wo sie sich u. a. mit Tilla Durieux, Leonhard Frank, Erich Maria Remarque und Ignazio Silone anfreundete. Als Autorin erlebte sie den Aufenthalt in Ascona für sich als eine literarisch äußerst produktive Zeit: Sie schrieb dort mehrere Romane, darunter ihre Erfolgsromane „Die Welt ist blau“ (1934) und „Das weiße Abendkleid“ (1938/39). Aufgrund ihrer teils illegalen publizistischen Tätigkeit musste sie die Schweiz 1939 jedoch verlassen. Über Nizza und Lissabon gelangte sie 1941 in die USA. Nach mühsamen Anfängen konnte sie sich dort erfolgreich als Hollywood-Drehbuchautorin und als Romanautorin etablieren. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Für ihr umfangreiches schriftstellerisches Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. 1992 starb Victoria Wolff im Alter von 88 Jahren in Los Angeles.

Der Roman Gast in der Heimat erschien Ende 1935 im renommierten Amsterdamer Exilverlag Querido. 1936 wurde er indiziert und in NS-Deutschland verboten. 85 Jahre nach seinem Verbot konnte der Roman im Herbst 2021 erstmals als deutsche Buchausgabe im AvivA Verlag erscheinen – mit einem ausführlichen Nachwort und ediert von der Literaturwissenschaftlerin Anke Heimberg.

 

Rezensionen

„Überhaupt machen das Buch und seine Autorin einen so sympathischen Eindruck, dass man nur das Land bedauern kann, das es dem engstirnigen Fanatismus erlaubt hat, sie ins Exil zu treiben.“

(Bonniers Litterära Magasin, 1936)

 

„Das Buch erschien bereits 1935 – da konnte die Autorin nicht wissen, was in Nazi-Deutschland noch alles geschehen sollte. Aber sie schildert sehr genau, eben aus eigener Anschauung, wie das beschauliche Städtchen (…) sozusagen kippt, wie die Stadtgesellschaft sich der menschenverachtenden NS-Ideologie an den Hals wirft und wie verachtungsvoll sie mit ihren eben noch hochgeschätzten Mitgliedern umspringt. Das macht diesen Roman zu einer literarischen Momentaufnahme, die eine deutliche Vorahnung des Kommenden enthält.“

(SWR 2/lesenswert, 2022)

 

Anke Heimberg, Foto: privat

Die Herausgeberin Anke Heimberg

Anke Heimberg studierte Deutsche Sprache und Literatur, Soziologie und Medienwissenschaften an den Universitäten Marburg und Wien; nach dem Studium u. a. Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Projekten der Frauen- und Geschlechterforschung und als Dozentin an der Universität Marburg. Sie lebt seit 2001 als freie Autorin, Biographin und Herausgeberin in Berlin. Schwerpunkte: Biographien und Literatur von Autorinnen der 1920er/1930er-Jahre und des NS-Exils. Im AvivA Verlag gibt sie die Werke der ‚vergessenen‘ Autorinnen Lili Grün (1904–1942) und Victoria Wolff (1903–1992) heraus.

Filmvorführung „Kaddisch nach einem Lebenden“

Ein Film von Karl Fruchtmann – Kamera Günther Wedekind – am 17. Mai 2022, 19.00 Uhr im Heimathaus in Rotenburg

„Kaddisch“ ist das jüdische Totengebet. Im Film wird es für einen Lebenden gesprochen, für einen, der das KZ überlebt hat. Die Geschichte kreist um drei Männer, Juden, die auf unterschiedliche Weise ihre entwürdigenden Erfahrungen der KZ-Zeit verarbeiten. Jeder von ihnen schleppt das Trauma in der Gegenwart „wie einen Buckel“. Peri, Junggeselle in Tel Aviv, lebt ohne finanzielle Sorgen, die Vergangenheit existiert für ihn nicht mehr, bis er durch einen Zufall an sie erinnert wird. Gurfinkel, Gelegenheitsarbeiter, verheiratet, Kinder, hat die Vergangenheit verdrängt. Sein Motto lautet: „Mach Schabbes damit“, was so viel heißt wie „damit will ich nichts zu tun haben“. Bach ist geistig umnachtet, er steht am Straßenrand und ölt die Kinderwagenachsen vorbeispazierender junger Mütter. Obwohl er harmlos ist, wird er hin und wieder in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. In Rückblenden wird das Schicksal Bachs im KZ dargestellt, die Persönlichkeit zu brechen.

Karl Fruchtmann, Foto: Kiki Beelitz

„Kaddisch nach einem Lebenden“ ist Karl Fruchtmanns persönlichster Film. Er war als Jude in Dachau und Sachsenburg inhaftiert. In jeder Einstellung in jedem Wort ist zu spüren, dass Fruchtmann hier eigene Erfahrungen verarbeitet.

Der Film, 1968 in Israel gedreht, kommt dennoch keineswegs als problembeladenes, düster moralisierendes Fernsehspiel daher. Bemerkenswerte Bildfolgen, schnelle Schnitte, die rasche Folge von Bildfragmenten mit verblüffenden Perspektiven, erinnern an die Anfänge des Neuen Deutschen Films.

 

 

Günther Wedekind, Foto: Inge Hansen Schaberg

Günther Wedekind, Foto: Inge Hansen Schaberg

Die Kamera hat der heute 92jährige Hellweger Kameramann Günther Wedekind geführt, der durch seine Erfahrungen als Schüler einer Nationalsozialistischen Erziehungsanstalt „Napola“ dem Thema der Menschenwürde im Laufe seines Lebens besondere Aufmerksamkeit widmet.

Als Günther Wedekind im Fernsehen von Radio Bremen Anfang der 60iger Jahre dem Regisseur Karl Fruchtmann begegnet, entsteht eine lebenslange Freundschaft. Regisseur und Kameramann haben 25 hochgelobte, wie auch kontrovers diskutierte Filme miteinander gestaltet.

Angesichts des gerade neu entfachten Antisemitismus und der Wiederkehr einer rassistisch motivierenden Gewalt ist dieser beeindruckende Fernsehfilm im Rahmen der Erinnerungskultur von beeindruckender Aktualität.

 

Wedekind bei den Dreharbeiten zu „Kaddisch nach einem Lebenden“, Foto: Bert Kuhnt

Günther Wedekind wird in den Film einführen und steht auch danach für eine Diskussion gerne zur Verfügung.

Bei dieser Veranstaltung gilt die Maskenpflicht. Der Eintritt beträgt 5,- Euro.

 

Achtung, geänderte Öffnungszeiten am Muttertag und zu Pfingsten!

Am 8. Mai (Muttertag) und 5. Juni (Pfingstsonntag) bleibt das Museum geschlossen.
Dafür sind wir am 6. Juni (Pfingstmontag) von 14:30 bis 17:00 Uhr für Sie da.